Der König

Es war einmal ein König, der lebte mit seinen drei Söhnen in einem weit entfernten Königreich. Der König war schon alt und wusste, dass er bald sterben würde, doch er konnte sich nicht entscheiden, welchen seiner drei Söhne er zum Thronfolger bestimmen sollte. Um sein Dilemma zu lösen, beschloss er, seine Söhne zu prüfen, damit jeder von ihnen seine Stärke und seine Klugheit beweisen konnte. Eines Tages rief er seine Söhne zu sich. Dies sind die Worte, die er zu ihnen sprach: „Im nördlichsten Winkel dieses Königreichs steht ein großer Berg. Es ist der größte und mächtigste Berg im ganzen Land. Sein Gipfel reicht bis in die Wolken hinauf. Ich weiß das, weil ich als junger Prinz auf dem Gipfel gestanden habe. Und ich weiß, dass auf der höchsten Spitze des Berges die ältesten, größten und kräftigsten Kiefern der Welt wachsen. Um eure Kraft, eure Klugheit, eure Zähigkeit und eure Tauglichkeit als Herrscher zu prüfen, werde ich jeden von euch, einen nach dem anderen, auf den Gipfel des Berges schicken. Jeder von euch soll mir einen Zweig vom größten und prachtvollsten Baum bringen. Derjenige, der mir den größten Zweig bringt, soll mein Nachfolger werden."
Und so geschah es. Der älteste Sohn zog als Erster los, während sein Vater und seine Brüder warteten. Eine Woche verging und dann noch eine. Am Ende der dritten Woche kehrte der junge Prinz in den Palast zurück. Er hatte große Anstrengungen unternommen und brachte einen riesen Zweig mit. Der König schien hocherfreut und gratulierte ihm zu seiner großartigen Leistung.
Als Nächster war der zweite Sohn an der Reihe. Er gelobte, einen noch größeren Zweig mitzubringen, und machte sich mit Zelten und Vorräten auf den Weg. Eine Woche verging und noch eine und dann eine dritte, während der König auf die Rückkehr seines zweitältesten Sohnes wartete. Vier Wochen vergingen, fünf Wochen, und am Ende der sechsten Woche schließlich kehrte der Sohn zurück. Als er sich dem Palast näherte, sahen alle, die entgegenblickten, dass er einen ungeheuer großen Zweig mit sich schleppte, einen wesentlich größeren als den, den sein Bruder mitgebracht hatte. Er hatte sich wirklich tapfer geschlagen, und der König schien begeistert. Dann wandte er sich an seinen jüngsten Sohn und sprach: „Nun bist du an der Reihe. Sieh zu, ob du einen noch größeren Zweig bringen kannst als deine Brüder." Dem jungen Prinz war seine Besorgnis deutlich anzusehen. Er war der kleinste der Brüder, wie sollte er sie übertrumpfen? Er flehte seinen Vater an, den zweitältesten Bruder zum Thronfolger zu ernennen, doch der König bestand darauf, dass der Jüngste sein Glück versuchte. Der Prinz gehorchte und machte sich mit seiner Ausrüstung auf den Weg. Zwei Wochen vergingen, dann vier und dann sechs, ohne dass eine Nachricht von dem jungen Prinz eintraf. Acht, neun, zwölf Wochen vergingen. Schließlich, am Ende der vierzehnten Woche, erreichte die Botschaft den Palast, dass der jüngste Sohn sich auf dem Rückweg befand.
Freudig rief der König seine Untertanen zusammen, um seinen Sohn einen würdigen Empfang zu bereiten, denn nun würde sich entscheiden, wer der zukünftige König sein sollte. Der Prinz näherte sich dem Palast mit gebeugtem Haupt und gesenktem Blick. Er war verschmutzt und zerlumpt. Als er vor seinen Vater trat, sahen alle, dass er es nicht einmal versucht hatte, denn er trug keinen Zweig bei sich. Er sah dem König in die Augen und flüsterte: „Ich habe versagt. Mein Bruder soll zum König gekrönt werden, denn er hat es verdient." Als der König seine Stimme erhob, verstummte die Menge. „Du hast es nicht einmal versucht, mein Sohn. Du hast überhaupt keinen Zweig mitgebracht!" Tränen quollen aus dem Augen des Prinzen, als er antwortete: „Es tut mir Leid, Vater. Ich wollte dich nicht enttäuschen, ich habe versucht, deinen Wunsch zu erfüllen. Wochenlang war ich unterwegs, um in den nördlichsten Winkeln des Königreichs zu gelangen, und ich habe tatsächlich einen großen Berg gefunden. Ich bin auf den Berg gestiegen, wie du es gewünscht hast, bis ich nach vielen Tagen den Gipfel erreichte, den du als junger Mann erklommen hast. Ich habe gesucht und gesucht, wie du es befohlen hast, aber, Vater, es gibt gar keine Bäume auf dem Gipfel!"
Da füllten sich auch die Augen des Königs mit Tränen, und er sprach zu dem Prinzen: „Du hast Recht, mein Sohn, es gibt keine Bäume auf dem Gipfel des Berges. Das Königreich gehört dir."

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